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ILERo-Raum: „Menschen für den akustischen Reichtum sensibilisieren“

Prof. Dr. Cornelius Pöpel von der Hochschule Ansbach nutzt eine Lagerhalle der Spengler & Meyer GmbH in Ansbach für ein wissenschaftliches Projekt.

Bild-Projekt-Ilero-Raum-Hochschule-Ansbach-+-MGM,-250-Pixel-Breite,-3.5.2018Wer gerade in eine der zwei großen Lagerhallen der „Muggergittermacher“ schaut, sieht nicht nur unternehmenstypische Gegenstände wie Fliegengitter, Holz- und Alurahmen, Werkzeuge oder Speditionsgüter in den teilweise vermieteten Hallen. Seit Anfang des Jahres betreibt dort die Hochschule Ansbach ein Projekt zum Thema „Akustische Ökologie“, das Professor Dr. Cornelius Pöpel verantwortet. Bei dem Projekt geht es laut Pöpel um folgendes Motto: „Man schaut sich nicht die Welt an, sondern man hört sich die Welt so an, wie sie ist“.

Ein Team aus Studierenden, Hochschul-Mitarbeitern und Professor Pöpel baut seit Januar einen Raum in der Lagerhalle auf, in dem virtuelle Realität nicht mittels VR-Brille, sondern durch ein sogenanntes „immersives Soundsystem“ sowie eine visuelle 360-Grad-Wiedergabe erlebbar wird. „Wir nennen den Raum ILERo (Immersive Listening Experience Room). Indem man sich in den Raum begibt, taucht man akustisch und visuell in eine virtuelle Umgebung ein. Derzeit erstellen wir die Software, damit wir die bereits fertigen Naturaufnahmen im Raum variabel wiedergeben können“, erläutert der Professor.

Die Hochschule platzt derzeit aus allen Nähten. Weil kein passender Raum vorhanden ist und Dr. Hans Mehringer, Geschäftsführer der Spengler & Meyer GmbH, Studierende gerne fördert, ergab sich die Chance, den „ILERO-Raum“ in der dortigen Lagerhalle einzurichten.

Bei dem unbefristeten Projekt geht es insbesondere um das Anhören der Natur im 360-Grad-Modus – mithilfe des immersiven Aufnahme- und Wiedergabeverfahrens. Cornelius Pöpel sagt: „Wir gehen davon aus, dass man durch den akustischen Zugang noch andere Dinge entdeckt, als wenn man Gegebenheiten nur visuell wahrnimmt“.

Damit nicht genug: Das Projekt beschäftigt sich laut Professor Pöpel auch mit der Frage, wie sich der Klimawandel akustisch bemerkbar macht. Zudem: Menschen, die aufgrund körperlicher Handicaps keinen Zugang zur Natur haben, erhalten im ILERo-Raum einen solchen – durch die Wiedergabe in VR Systemen.

Das Projekt wurde im Jahr 2014 von Prof. Dr. Garth Paine initiiert, Lehrstuhlinhaber an der Arizona State University (ASU). Dort liegt auch die Datenbank, in die Aufnahmen aus den USA, Deutschland und bald auch Chile eingespeist werden. Im selben Jahr lud der US-amerikanische Wissenschaftler den Ansbacher Professor nach Arizona ein, seitdem ist Pöpel aktiv am Projekt beteiligt. Davon erhofft er sich neue Erkenntnisse: „Menschen für den akustischen Reichtum in Naturräumen zu sensibilisieren und positive Eigenschaften des Naturerlebens für Personen virtuell zugänglich zu machen“ – das ist das vorrangige Ziel.

Pöpel: „Akustische Struktur der Umwelt ist noch wenig erforscht“

Das „Listen(n) Projekt“ läuft in Arizona seit 2014 und untersucht die klangliche Veränderung der Natur. Einen Projektabschluss gibt es offiziell nicht. „Es ist geplant, über viele Jahre hinweg Aufnahmen zu machen und diese auszuwerten“, bemerkt Cornelius Pöpel. Der Aufbau von ILERo als einem Teil des Listen(n) Projekts sei erst dann abgeschlossen, wenn der Raum zu hundert Prozent funktioniert. Soll heißen: „Wenn wir erste Untersuchungen gemacht haben zur Frage: Welche Vorteile hat ein solcher Raum für das Erleben virtueller Realität im Vergleich zu einer VR Brille?“

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die für die Öffentlichkeit von Bedeutung sind, gebe es bislang noch nicht, sagt Cornelius Pöpel. „Da wir mit stehenden Bildern, aber bewegtem Ton arbeiten, kann man etwa keine fliegenden Vögel oder Flugzeuge sehen. Dennoch berichten manche Personen, dass sie vorbei fliegende Vögel gesehen hätten“, sagt der Wahl-Ansbacher. Die Erklärung liefert er gleich mit: „Dies könnte mit der Tatsache zusammenhängen, dass wir immersive Technologien benutzen. Dabei hilft uns die Fähigkeit von uns Menschen, die wahrgenommene Realität nicht nur durch visuelle, sondern auch durch akustische Stimuli im Gehirn zu konstruieren“.

Beim Blick in die Zukunft hofft der Ansbacher auf neue Erkenntnisse, die besonders für Menschen und unsere Umwelt wesentlich sind. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die akustische Struktur der Umwelt noch zu wenig erforscht ist“. Pöpel glaubt, „dass wir von einer differenzierten Wahrnehmung dieser Struktur im Hinblick auf unser Wohlergehen profitieren können – und ebenso durch die wissenschaftliche Analyse neue Erkenntnisse über die Umwelt gewinnen“.

Neben der wissenschaftlichen Tätigkeit werden auch künstlerische Arbeiten aus dem Aufnahmematerial erstellt. Dr. Garth Paine hält sich derzeit am IRCAM Paris auf und arbeitet an einem Werk, welches auch immersive Audioaufnahmen mit einbezieht. Am 3. April konnte man bei einer Aufführung zuhören. Mehr zu dieser Arbeit ist auf folgender Website zu finden: https://www.ircam.fr/person/garth-paine/. „Es ist auch denkbar ILERo für solche Arten von Kunst einzubinden“, meint Cornelius Pöpel.

Bild oben, von links nacht rechts: Prof. Dr. Cornelius Pöpel, Prof. Dr. Günther Pröbstle, Dr. Hans Mehringer, Andreas Uhl, Prof. Dr. Garth Paine. Prof. Pröbstle ist Vizepräsident der Hochschule Ansbach und leitet das Institut für Angewandte Wissenschaften. Andreas Uhl ist der Student, der für das ILERo-Projekt am meisten von studentischer Seite aus gearbeitet hat. - Bildautor: Pascal Burbrink

 


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